Der Kaperbrief - das Logbuch für die mediale Seefahrt

Margarete Mitscherlich (*17.7.1917): Von der Unfähigkeit (mit-) zu trauern…

Margarete Mitscherlich, die große deutsche Psychoanalytikerin, ist am 17. Juli 2007 neunzig Jahre alt geworden. Eine gute Nachricht für alle, die sich davor fürchten, 40 oder 50 Jahre alt zu werden: Margarete Mitscherlich, die Frau des bekannten Arztes und Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich, zeigt im Interview des hr aus dem Jahr 2005, dass eine gute und bewusste Lebensführung geistige Klarheit und seelische Gesundheit bis in ein fortgeschrittenes Alter hinein garantiert.

Im Interview mit Ulrike Schneiberg (hr2) zeigt sich eine nachdenkliche und zugleich dynamische Psychoanalytikerin (Studium der Literaturwissenschaften und der Medizin, Promotion zum Dr. med. 1950) , der die selbstkritische Betrachtung der eigenen Person durch den klugen dänischen Vater vorgezeichnet war. Die junge Frau erlebte mit, wie groß die Kränkung der Deutschen nach dem verlorenen ersten Weltkrieg in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts war und wie sich die aufgegebenen Wünsche und Alternativen zum tatsächlich gelebten Leben auch in der eigenen Familie langfristig auswirkten.

Trauer und Schuld im Nachkriegsdeutschland und die Chancen der Frauen auf ein stärker selbst bestimmtes Leben waren die großen Themen der Margarete Mischerlich. Zusammen mit ihrem Mann verfasste sie das 1967 erschienen Buch “Die Unfähigkeit zun trauern”, in dem die Bewältigung der politischen Vergangenheit Deutschlands psychologisch untersucht und gedeutet wird.

Sind der Feminismus und die “Frauenfrage” für junge Frauen heute kein Thema mehr? Ist die Frage nach deren Emanzipation beantwortet? Margarete Mitscherlich, Mitbegründerin des international bekannten Frankfurter Siegmund-Freud-Institutes, ist der Meinung, dass sich die Grundfragen des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau in veränderter Form heute ebenso stellen wie vor 50 oder 60 Jahren.

Ihre eigene Beziehung zu Alexander Mitscherlich hatte unter schwierigen Bedingungen begonnen und war zunächst ohne Aussicht darauf, sich zu einem langen Zusammenleben oder gar zu einer Ehe zu entwickeln. Umso mehr interessierte sich die Wissenschaftlerin Margarete Mitscherlich für die Struktur schwieriger und ungewöhnlicher Beziehungen (Buch über Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre), ohne diese als Vorbild zu empfehlen.

“Die Menschen können sich nicht darauf einigen, dass zu jeder tieferen Beziehung …Einfühlung gehört,” sagt Mitscherlich zu der Frage nach der Brüchigkeit und eher kurzen Dauer moderner Beziehungen und Partnerschaften heute.

Quelle: Hessischer Rundfunk, Hörfunk, hr-Interview (Ulrike Schneiberg) , Reihe “Doppelkopf”(März 2005 und Juli 2007)

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