Der Kaperbrief - das Logbuch für die mediale Seefahrt

Zurück in die Zukunft? - Professor Ulrich Beck in hr2, die Risikogesellschaft und die “Individualisierung” - 13.8.2007, 23h (12h)

Quelle: hr2, Sendung “Doppelkopf” / Interview mit Prof. Ulrich Beck , Soziologe aus München (Risikogesellschaft 1986, Individualisierung, (Göttingen) 1983) , am 13.8.2007: Ist das Leben in der modernen Industriegesellschaft schwieriger, unübersichtlicher und “unsicherer” geworden, weil wir uns - im Gegensatz zu früheren Generationen und Zeiten - bei fast allen Dingen individuell entscheiden müssen? Die Frage, ob man (oder frau) heiratet, ob man Kinder haben wird, ob man sich scheiden lässt, ob und woran man glaubt, welchen Beruf man ergreifen will und wie man z.B. mit der eigenen Familie umgeht, war noch vor 50 Jahren in Deutschland keineswegs offen und zur Wahl gestellt.

Mit der heute vorhandenen ‘freien Auswahl’ unter den Lebensalternativen jedoch steigt für den modernen, individuell entscheidenden Staatsbürger auch das Risiko, die falsche Entscheidung zu treffen. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung lösen also das in diesen Begriffen gegebene Freiheitsversprechen nicht zu hundert Prozent ein. Statt der erhofften unbegrenzten Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, stellt sich - oft ganz unvermutet - Unsicherheit ein. Denn fast alle traditionellen Bindungen und Lebensweisen der vergangenen Zeit müssen heute “individuell” verabredet, beachtet und aus eigenem Willen eingehalten werden.

Woher also nehmen moderne Männer und moderne Frauen heute (2007) auf Dauer die Sicherheit und die Motivation, tatsächlich zusammen leben zu wollen, gegenseitige Erwartungen zu erfüllen, sich ausreichend aneinander zu “binden”, und Pläne aufzustellen, die eine gemeinsame Entwicklung ermöglichen?
Sind “Zweierbeziehungen” noch aktuell? Oder ist ein gutes Leben viel besser zu realisieren, wenn jeder Mann und jede Frau sich ihr Leben selbst einrichtet und die Wünsche nach Partnerschaft und Zusammenleben im Rahmen eines geschickten “Zeitmanagements” regelt?
Können Konflikte und Trennungsrisiken dadurch vermieden werden, dass man sich einfach weniger an den anderen bindet? Und: Wer nicht ständig “zur Verfügung” steht, ist der nicht ohnehin auch auf Dauer viel attraktiver? Steigern wir also unseren “Beziehungswert” um ein Vielfaches, wenn wir auch in der Liebe ‘unberechenbar’ bleiben? Wer sich in erster Linie auf sich selbst verlässt - kann der überhaupt etwas falsch machen?

Kaperbrief: Die Antwort kann nicht lauten: “Zurück in die 50er Jahre!”: Wir können nicht nach dem Vorbild unserer Eltern und Großeltern glücklich werden. Aber die Herausforderung, sich zunächst “seiner selbst sicher” zu werden und sich dann für eine Art des sozialen Zusammenlebens mit anderen Menschen zu entscheiden, die bei allen Bindungen und Erwartungen auch noch Veränderung und (Weiter-) Entwicklung zulässt, müssen wir dennoch annehmen. Die von Ulrich Beck soziologisch beschriebene gesellschaftliche “Individualisierung” bedeutet für die Psychologie des einzelnen Menschen, dass er den Weg zwischen der notwendigen “Selbstfindung” und Identitätssuche einerseits und überzogener Eigenliebe und einer letzlich unerfüllten Sucht nach Selbstbestätigung finden muss (Eine persönliche > Identitätsbalance < ist gefragt und ein wenig soziales Engagement! :-) )

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