Der Kaperbrief - das Logbuch für die mediale Seefahrt

Aus dem Beiboot am 20. Januar 2008: Freiheit für die Waschmaschine - Das Fernsehduell der Spitzenkandidaten zur hessischen Landtagswahl 2008

Andrea Ypsilanti (SPD) und Ministerpräsident Roland Koch (CDU) diskutieren im hessischen Fernsehen/hr-info und der Wähler wundert sich: Wir brauchen ein (eingeschränktes) Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen, eine bessere Förderung ausländischer Jugendlicher, einen “Energiemix” (mit Atomkraft/CDU oder ohne Atomkraft/SPD: 60 % - Ausstieg “sehr mutig und anspruchsvoll”, kleine Kohlekraftwerke, ) gut funktionierende, zuverlässige und kompetente Schulen, Mobilität für alle… eigentlich haben die beiden Spitzenkandidaten bei der hessischen Landtagswahl 2008 so viele Gemeinsamkeiten, dass kleine Polemiken am Rande den Eindruck kaum trüben können, dass die Hessen keine wirklichen Probleme haben.

Herr Koch scheint nach der heftigen Kritik an seiner bundesweit beachteten Jugendgewalt-Kampagne (Forderung nach verschärften Jugendstrafgesetzen) ein wenig weichgespült zu sein und mäkelt nur in der gewohnten Weise derer, die (noch) an der Regierung sind, an den Oppositionsforderungen herum: Sie sind ihm zu praxisfern, zu ideologisch und scheinbar einem sozialistischen Wolkenkuckucksheim entnommen. Der Ministerpräsident setzt als gelernter Anwalt und erprobter Rhetoriker ganz auf seine angeblich guten Bilanzen und Statistiken, die erzielten Fortschritte und auf die Bereitschaft seiner Regierung, dazuzulernen und alles zum Guten zu wenden.

Frau Ypsilanti dagegen zählt wacker und fleißig auf, wieviele gute Optionen und positive Aussichten ein Regierungswechsel in Hessen bringen würde. Sie will eine wirklich ausreichende Krippen- und Kindergartenplätze, flächendeckende Ganztagsschulen einrichten, gerechte Löhne durchsetzen, umweltschonende Technologien fördern, den sozialen Frieden fördern und… Die Leistung der bisherigen Landesregierung findet sie in vielfacher Hinsicht defizitär und unterstellt dem Regierungschef, dass er die Dinge schön redet, seine eigenen Forderungen jederzeit nach Belieben ändert und widerruft und die wahren Probleme verschweigt. Die Situation arbeitsloser und  bisweilen auch straffällig gewordener Jugendlicher, der dafür zuständigen Polizeibeamten, Sozialarbeiter und Juristen beurteilt sie - ebenso wie schlecht bezahlter (Leih-) Arbeitnehmer - als ganz und gar unzureichend.

Hessen vorn? Das Bundesland im Herzen der Bundesrepublik bietet seinen Einwohnern eine bessere Lebensqualität als manche ärmere Region in Deutschland. Die beiden Spitzenpolitiker, die am 20.1.2007 im Radio und im Fernsehen sanft gestritten haben, scheinen beide recht weit weg von der politischen Praxis des einzelnen Bürgers zu sein: Der eine findet in der Fernsehdiskussion - wider besseren Wissens - alle Maßnahmen seiner Regierung ganz wunderbar und die andere wird alles besser machen, ohne den Weg der Umsetzung genauer beschreiben zu können.

P.S.: Eine gute Nachricht für die hessischen Wähler immerhin bleibt: Sie sollen nach der Meinung beider Kandidaten auch in Zukunft die Freiheit haben, die Waschmaschine jederzeit einschalten zu dürfen.

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